Kölner Geschichte: RHFOL1426

Als Mitglied der Kölner Bibliotheksgesellschaft hatte ich rechtzeitig vor Weihnachten eine schön gestaltete und sehr gut gemachte Drucksache in der Post. Was ich dort las, hat mich inspiriert, ein paar der historischen Erkenntnisse aus der Zeit, da Konrad Adenauer Oberbürgermeister von Köln war, auf Kalk, der Heimat der Geschichtswerkstatt-Kalk anzuwenden. 

(M)Ein Lamento: RHFOL1426

Was sich liest wie die Rufbezeichnung eines Roboters aus einem SF-Film ist in Wahrheit die Signatur eines historischen Dokuments der Universitäts- und Stadtbibliothek. Entstanden ist es 1920/1921 als Mitschrift oder Abschrift einer Ringvorlesung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Kölner Uni. Nun wurde vom Wienand-Verlag ein kommentiertes Faksimile des Adenauer-Urtextes publiziert.

Unter dem Titel „Deutschlands wirtschaftlicher Wiederaufbau” war im Sommersemester 1920 zu insgesamt 11 Referaten eingeladen worden. Allen voran sprach wohl der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, umrahmt von Spitzenkräften der damals wichtigen Wirtschaftsverbände und der Parteien aller Couleur über „Wirtschaftliche Zukunftspläne der Stadt Köln” und dies nach eigener Aussage „vor überaus zahlreicher Zuhörerschaft” an einem frühen Samstagabend im Juli.

Sein Enkel gleichen Namens schrieb in seinem Kommentar zum historischen Dokument, dass der Großvater nicht als großartiger Redner bekannt war, dass er aber, wenn er als OB das Wort ergriff, in erster Linie die Entwicklung von Köln im Fokus hatte. Der Mann hat nicht lange herumgesponnen, sondern, so Zeitzeigen, planvoll, zielgerichtet und praxisorientiert alles getan, um die Entwicklung von Köln voran zu bringen. Beispiele dafür sind historisch belegt und hinlänglich bekannt (Verkehr, Messe, Wohnungsbau, Kultur, Soziale Einrichtungen, Stadtplanung). Für den Kölner OB Konrad Adenauer gab es nur eines, nämlich die wirtschaftliche und kulturelle Zukunft seiner Vaterstadt und, wichtig, nicht nur Plan sondern Umsetzung. 

Natürlich hatte Adenauer andere Probleme zu lösen als wir sie heute haben. Vielleicht waren seine Probleme auch schwieriger anzugehen in den notgeprägten Folgejahren des 1. Weltkriegs, der Rheinlandbesetzung und der von der Besatzung geforderten Internationalisierung des Rheinstroms und des Ruhrgebiets. Trotzdem ist ihm und seinem Team das verdammt gut und nachhaltig gelungen, was heute allgemein als Transformationsprozess bekannt, gefordert und verweigert wird.

Was lerne ich also aus der Geschichte? Es ist ja nicht so dass die aktuellen Probleme in Kalk kleiner, leichter oder einfacher zu lösen wären. Nein, leider nicht. Die dazu wichtigsten Stichworte sollen einmal mehr aufgezählt werden: Mehr und bezahlbarer Wohnraum, mehr und bessere Frei- und Grünflächen, mehr selbst verwaltete Kulturangebote, mehr gemeinwohl-orientierte Aktivitäten aus der Bevölkerung, wohl überlegte Verkehrsberuhigung, aktive Revitalisierung der riesigen Industriebrachen in Kalk.

Wenn das keine engagierten Ziele für die Stadt Köln, speziell für den Stadtteil Kalk sind, welche dann? Nun soll nicht darüber lamentiert werden, dass der Kölner Osten von den Eliten der linken Rheinseite gerne aus Billigkeitsgründen als sehgestört abqualifiziert wird, auch wenn es gelegentlich nur ironisch gemeint wird. Es soll auch nicht beklagt werden, dass der Stadtteil Kalk, wo ein Jahrhundert lang ein Riesengeld verdient wurde und, im Gegensatz zu heute, die Unternehmen gute Steuerzahler waren. Von den arbeitenden Menschen wurden die Lohn- und Einkommenssteuer sowieso pünktlich eingezogen. Es kann also keine Rede davon sein, dass in Kalk nur Krakeler, Alkoholkranke und sozial Schwache lebten, die ständig bewacht und betreut werden mussten. Im Gegenteil, der Stadtteil pulsierte und war, zusammen mit Ehrenfeld, Nippes, Deutz-Mülheim, unübersehbarer Wirtschaftsfaktor für Köln.

Industrie, Gewerbe, Handwerk und Dienstleistungen waren sehr stark von der Kalker Industrie abhängig. Mit deren Verschwinden wurden auch sie entbehrlich. Viele tausend Arbeitsplätze gingen verloren und mit ihnen die gewachsenen sozialen Errungenschaften und Bindungen. Nur die alten Hallen stehen noch und gammeln nutzlos vor sich hin. 

Doch wo bleiben nun die zukunftsorientierten Pläne, um den dringenden Bedarf in Kalk abzuarbeiten? Ich meine nicht die Einwohnerberuhigungspillen, genannt Werkstattverfahren, um ein Beispiel zu nennen. Warum findet sich denn keine zupackende Kölner Politikerin, kein Politiker, warum meldet sich keines der unzweifelhaft vorhandenen Managementtalente aus den Tiefen der Kölner Verwaltung, um wenigsten ein paar der vielen dringlichen Projekte anzupacken, vielleicht das eine oder andere sogar abzuarbeiten?

Adenauer hatte nach Meinung seines Enkels starke Unterstützer in der Wirtschaft und in der Verwaltung; die Ideen hatte er, oder er hat die Ideen aus der Stadt machtvoll vertreten.

Und wo bleiben nun die aktuellen Ideen aus der Stadtverwaltung, den Dezernaten? Von da kommt nichts substanzielles, außer ein paar hübsch aufgemachten Papieren beauftragter Fremdberater. Diese sind hochgelobt und wahrscheinlich teuer honoriert; aber umgesetzt wird so gut wie nichts. Selbst ein Projekt von überregionaler Bedeutung, wie das DOMID, wird in gewissen Dezernaten „kritisch gesehen”. Auf welchem Planeten diese Damen und Herren leben, entzieht sich allgemeiner Betrachtung. Dafür laufen die städtischen Bremssysteme schon seit Jahren heiß, weil die Dezernenten und ihre MitarbeiterInnen immer nur feste auf dem Bremspedal stehen und sich, literarisch gesehen, am Lenkrad festkrallen, anstatt zu steuern. Das ist wahrscheinlich so, weil sie keine oder nur schwache Ideen haben, wo oder wie man anfangen könnte. 

Ein weiterer Schwachpunkt ist die Angst der Verwaltung vor dem gemeinwohl-orientierten Engagement engagierter BürgerInnen von Kalk, denen gelegentlich von städtischen Amtsträgern das Etikett „Chaoten” angeheftet wird. Doch BürgerInnenmut und Pioniergeist zu würdigen, kommt im scheinbar eng begrenzten Handlungsspielraum und schmalen Wertekanon der Verwaltung nicht vor. Da fehlt es überwiegend nicht nur an Mut, Zuversicht und Risikobereitschaft, sondern auch an dem Willen zu Gestaltung. Das ist mir als Mitglied des Kulturhof-Kalk e.V. aus den Kontakten mit einigen städtischen FunktionerInnen wohl bekannt.

Es scheint so zu sein, dass der Stillstand und das stille Zuwarten das Mantra bestimmter Verantwortungsträger zu sein. Leider ist momentan niemand in Sicht, um der Verwaltung klar zu machen, dass von selbst nichts passiert und durch Zuwarten die Zukunft von Kalk nicht gemeistert werden kann. Besser und erfolgsorientiert wäre es, wenn alle Interessenten gemeinwohl- und bürgerorientiert auf Augenhöhe (!) kommunizierten und gemeinsam arbeiten würden. Und dass die Ideen aller Akteure auf einen Runden Tisch gelegt werden, damit sie diskutiert und fair auf Machbarkeit und Finanzierbarkeit untersucht werden können. 

Ob das aber gelingen wird, daran ist auch weiterhin zu zweifeln. Wahrscheinlich spukt noch immer der ein paar Jahre alte, an bürokratischer Borniertheit nicht zu überbietende Sanierungs- und Verwertungsvorschlag der (sic!) Kulturdezernentin durch die städtischen Büro- und Besprechungsräume: Hallen Kalk abräumen, alles schön glatt teeren und quadratmeterweise meistbietend verbimmeln. Das würde die Immobilienwirtschaft hoch erfreuen und der Oberbürgermeisterin viele fröhliche Fototermine garantieren. Was las ich im Stadtanzeiger vom 30. Dezember 2020? Zitat: „Was kostet noch mal die Oper?” Da bleibt halt nichts für die rechte Rheinseite und ihre Probleme übrig. Das ist für eine zukunftsorientierte, nachhaltige Transformation der Hallen Kalk in einen Lebensraum für dieses Stadtviertel viel zu wenig. pzillig